Viele, die das erste Mal davon hören, dass die Menschheit und viele andere Lebewesen in kurzer Zeit aussterben, tun das erst mal als völlig absurd ab. Wer sich bis hierhin durchgeklickt hat, will vielleicht nur nach Hinweisen suchen, diese Thesen mit einem Federstrich zu widerlegen. Die meisten können sich nicht vorstellen, dass das in naher Zukunft passieren kann. Dafür sind wir Menschen viel zu schlau.

Irgendjemand wird schon einen Ausweg finden. Das sind ganz normale Reaktionen auf solche schrecklichen Aussichten. Auch die Konditionierungen der industriellen Wachstumsgesellschaft, immer weiter, höher, ohne Ende, werden bei genauem Hinsehen sichtbar. Auch bei Katastrophen-Meldungen im Fernsehen lassen wir kaum noch etwas von den starken emotionalen Reaktionen in uns aufkommen. Erstmalig bin ich mit diesem Thema vor 9 Monaten durch ein Interview mit Guy McPhearson und seinen Thesen in Verbindung gekommen. Seitdem habe ich eine ganze Kaskade von geistigen und emotionalen Zuständen durchgemacht: Erschütterung, Traurigkeit, Leere, Erschöpfung, Mutlosigkeit, Erleichterung, verbissene Suche nach Informationen, Hilflosigkeit, Gefühl von Zusammengehörigkeit aller Lebewesen, Einsamkeit, Wut auf Verleugner, Politiker und mich selbst, Schuldgefühle, Empörung, Warmherzigkeit und Zweifel.

Trauer

Die Ursache für das riesige Desaster ist die Zivilisation, in der wir leben. Und nicht erst in einer fernen Zukunft haben wir vieles auf dem Altar von Konsum und Wachstum geopfert. Wenn wir damit durch den bevorstehenden Tod, den eigenen und den unserer Liebsten, in Berührung kommen, spüren wir tiefe Trauer. Die Ärztin Elisabeth Kübler-Ross hat 1969 ein Modell von Fünf Sterbephasen veröffentlicht. Danach gehen Menschen, die mit der Diagnose einer tödlichen Krankheit im Sterben liegen durch diese Phasen. Das geht nicht idealtypisch der Reihe nach, sondern in Schleifen, Vor- und Rückschritten vom Negieren zur Akzeptanz des eigenen Todes. Um die psychischen Reaktionen von uns und anderen bei der Auseinandersetzung mit dem Tod besser zu verstehen, halte ich dies für einen nützlichen Bezugsrahmen.

Nicht-Wahrhaben-Wollen (Denial):

Das ist wahrscheinlich die erste Reaktion der meisten Menschen auf eine Nachricht wie der auf uns zusteuerende kollektive Tod. Entweder durch Wegsehen und betriebsam dem Arbeitsalltag zuwenden, gehen wir emotionalen Erschütterungen aus dem Weg. Grundsätzlich ist das ein gesunder Filtermechanismus, der allerdings in unserer Kultur, in der Illusion der Individualität und Autonomie, uns tiefen Gefühlen der Verbundenheit abspaltet. Manche neigen sogar dazu, den Überbringer der Nachricht lächerlich zu machen oder mit Todesdrohungen zu beschimpfen.

Zorn und Ärger (Anger):

Andere sind schuld an meinem Übel. Da es sich beim abrupten Klimawandel und baldigen Aussterben um (für die meisten noch) abstrakte Überlegungen handelt, wird die Wut wohl an Stellen rausgelassen, die nicht unbedingt mit dieser Auseinandersetzung in Verbindung stehen. Vielleicht äußert sich das in einer zynisch beißenden Gesellschaftskritik. Diese Wut gegen sich selbst gerichtet, äußert sich vielleicht in einer ständig im Kreis laufenden Frage: Warum habe ich nicht rechtzeitig genug getan?

Verhandeln (Bargaining):

Da Prognosen sowieso nicht genau sein können, also eine Bandbreite von Unsicherheit mit sich bringen, lässt sich leicht Zweifel streuen. Daher finden auch Hoffnungen, unser Schicksal durch Geo Engeneering, Rückzug in weniger betroffene Regionen oder inniges Beten zu wenden, leicht einen Ansatzpunkt. Ich glaube aber, dass der schnelle Klimawandel durch Überschreiten von Tipping Points (Kipppunkten) unwiderrufbar in Gang ist, dass es keinen Ausweg mehr für uns gibt. Wir haben die Wahl, wie wir die uns verbleibende Lebenszeit leben wollen. Gleichwohl werde ich auch immer wieder in diese Phase, mit dem Schicksal zu verhandeln, zurückkehren.

Depressive Phase (Depression):

Hoffnungslose innere Leere, Sinnlosigkeitsgefühle, Lebensüberdruss, Kummer, Schuldgefühle und Trauer um das, was wir mit dem Tod verlieren, brauchen wohl als emotionale Reaktion nicht mehr erklärt werden. Damit werden wir alle immer wieder in Berührung kommen. Was kann helfen, dass wir in der matten Mutlosigkeit nicht steckenbleiben? Die Antwort ist so einfach, aber besonders in diesem Zustand so schwer: Wir brauchen andere Menschen, bei denen wir unsere Gefühle ausdrücken können, mit denen wir gemeinsam durch die Trauer hindurchgehen können, die einfach da sind und emotional mitschwingen. Ich glaube, das ist der Kernpunkt der Arbeit von Carolyn Baker und Joana Macy. Carolyn Baker beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie wir emotional auf kollabierende Systeme reagieren und damit umgehen können. Joana Macy hat viele Methoden zusammengetragen und weiter gegeben, wie wir uns (unter anderem durch Ausdruck unserer Trauer) wieder mit einem großen Ganzen verbinden können.

Akzeptanz (Acceptance):

Ich habe das bei einigen Menschen, z.B. bei meiner Tante oder meinem Vater, erlebt, wie sie angesichts des Todes vieles an schroffen abweisenden Seiten abgelegt haben. Mit ihrer Einwilligung ins Unausweichliche sind sie sanfter, offener und sensibler geworden. Ich habe eine warme, freundliche, herzliche Verbindung gespürt. Das ist die große Chance, die wir haben: Offener, herzlicher, mitfühlender, verbundener zu werden. Für meinen eigenen Tod kann ich mir das noch vorstellen, aber das große Aussterben zu akzeptieren, davon bin ich weit entfernt. Wir haben die Erde zu Grunde gerichtet und sind noch dabei, ja ich bin auch dabei. Schließen wir uns zusammen, um dies zu betrauern! Es sind nicht nur Depressionen und Tränen, die wir dafür bekommen. Dazu mehr im nächsten Teil.

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