Fever

(Bild: Thermometer Fever von NoPetrol auf commons.wikimedia.org, cc-by-sa)

Im letzten Teil meiner Blog-Serie hatte ich über Rückkopplungsschleifen und Exponentielle Entwicklungen geschrieben. Allein mit der Freisetzung von Methan aus der Arktischen See und den auftauenden Permafrost-Böden z.B. in Sibirien lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit erklären, dass ein Abrupter Klimawandel (abrupt climate change) schon unterwegs ist.

In ein oder zwei Jahrzehnten werden wir auf der Erde Klimaveränderungen haben, die ein Überleben unserer Spezies in Frage stellen. Kein Mensch kann bei so komplexen Systemen genau voraussagen, wann, wo und wie das stattfindet. Die Richtung scheint klar zu sein: Es wird ernst, nicht erst für unsere Enkelkinder.

Abrupter Klimawandel und Menschliches Habitat

Der Klimawissenschaftler und Arktik-Experte Paul Beckwith hatte noch vor wenigen Jahren gewarnt, dass es im schlimmsten Fall zu einem abrupten Klimawandel kommen kann. Inzwischen ist er sich sicher, dass dieser worst case eingetreten ist. Er geht davon aus, dass wir in ein oder zwei Jahrzehnten eine durchschnittliche globale Erwärmung von 6 Grad C haben werden. Er glaubt, dass zumindest Teile der Menschheit auch solche Temperatur-Veränderungen überleben können. Guy McPherson widerspricht dem und weist darauf hin, dass Menschen auf der Erde noch nicht unter Bedingungen von plus 3,5 C zum Stand vor der industriellen Revolution gelebt haben. In einem facebook-Dialog habe ich ihn gefragt, ob er das als harte Marke sieht, die die Menschheit nicht überleben würde.

Guy McPherson: Ich bezweifel, dass es bei einem schnellen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur noch signifikantes Phythoplankton geben wird. Ditto für Land Pflanzen. Ohne Nahrung sterben wir.

Wolfgang Wer: Glauben Sie, die meisten See- und Land-Pflanzen würden einen zusätzlichen Anstieg um 3 C nicht überleben?

Guy McPherson: Ein schneller Anstieg von 2 C oder mehr ist katastrophal.

Bei einem Vortrag in Chico, Kalifornien (siehe Link unten) vergleicht Guy McPherson die Erde mit einem Fieberkranken. Die (nur leicht) gestiegene Temperatur macht den Kranken zunächst schlapp und der Körper regelt runter. Mit zusätzlichem Trinken usw. überlebt er das, aber nicht wenn die Temperatur weiter ansteigt und lange anhält.

Wem soll ich was glauben?

Als ich vom kurzfristigen Aussterben gehört hatte, dachte ich zunächst, ich müsse so viele Informationen zusammentragen wie möglich, um mir selbst ein Bild machen zu können. Inzwischen meine ich, dass ich mich ohnehin nicht in jeden Aspekt fachlich einarbeiten kann. Wahrscheinlich ist das auch eine emotionale Reaktion auf eine solche erschütternde Nachricht, irgendwie durch Informationssammlung Sicherheit zu erhalten. Nun bin ich dazu übergegangen, zu schauen, was ich nachvollziehbar finde und wie vertrauenswürdig ich den Überbringer der Nachricht finde. Klar, das ist subjektiv. Wahrscheinlich geht es aber nur so, dass sich jeder ein eigenes Bild macht, bei solchen existenziellen Fragen. Nachvollziehbar finde ich, dass es durch positive Feedbackschleifen zu exponentiellen Entwicklungen kommen kann. Ich glaube also, dass wir am Beginn eines abrupten Klimawandels mit erheblichen Temperatursteigerungen in kurzer Zeit sind. Ich halte Guy McPherson für einen gewissenhaften ehrlichen Wissenschaftler, der als Biologe einschätzen kann, welche Klimaveränderungen wir als Menschheit und wir als Lebewesen auf der Erde aushalten können.

Über den menschlichen Tellerrand hinaus

Natürlich können Prognosen daneben liegen, das werden sie wahrscheinlich sogar. Wir haben aber nicht nur ein gewaltiges Problem irgendwann in der Zukunft sondern schon hier und jetzt. Jeden Tag sterben 200 Arten von Lebewesen auf der Erde aus. Das Phytoplankton in den Meeren ist schon jetzt durch Übersäuerung um die Hälfte zurückgegangen. Phytoplankton bildet die Grundlage der Nahrungsketten im Meer. Mit anderen Worten: Die Meere sterben. Wenn die Menschheit ausstirbt, ist das nur eine Spezies von Lebewesen. Die Frage ist: Was für eine Umwelt hinterlassen wir anderen Lebewesen?

Cool mit dem Tod vor Augen?

Da gäbe es nun noch viel drüber zu schreiben, ich versuche den Text aber Internet lesbar zu halten. Auch wenn ich hier relativ „cool“ argumentiere, so begleitet mich seit Monaten eine Kaskade von Reaktionen. Zu dem emotionalen Umgang mit einem solchen Thema, mit dem Tod vor Augen, geht es dann im nächsten Teil.

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